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Katechesen
1997
1. Jahresreihe - 3. Katechese, 11.05.97
Meister, wo wohnst du?
Kommt und seht! |
Meister, wo
wohnst du? - Kommt und seht!
Herzlich willkommen zur 3. Katechese auf unserem Weg zum
Weltjugendtreffen, das unter dem Motto steht: "Meister, wo wohnst du? - Kommt
und seht!"
Das ist also die Leitfrage von Etappe zu Etappe in dieser
Vorbereitung auf Paris. Jeder von uns hat sich auf den Weg gemacht, hat das
eine oder andere Wegstück schon hinter sich, ist hinter Jesus hergegangen wie
die ersten Jünger und jeder sucht, auf seinem Weg und auf seine Weise Jesus
kennen zu lernen. "Wo wohnst du?" Und jeder von uns wird von ihm eingeladen,
mitzukommen: "Kommt und seht!" Wohin führt uns Jesus, wohin führt der Weg?
Wir haben uns alle eingelassen auf diesen Weg, und so, wie die Jünger nicht
wussten, wo er hinführt, so wissen wir auch nicht, wo er noch hinführen wird.
Aber die Geschichte, die begonnen hat, lässt uns nicht mehr los, wir sind
sozusagen mittendrin im Abenteuer. In der ersten Katechese habe ich versucht,
einfach auf dieses Evangelium zu hören, die Berufung der ersten Jünger, wie
Johannes sie berichtet. In der zweiten Katechese haben wir das letzte Mal auf
die Frage "Meister, wo wohnst du?" die Kirche betrachtet - die Kirche als Haus
Gottes und Haus der Menschen. Und heute möchte ich einen Schritt weiter gehen:
Heute führt uns der Weg der Nachfolge an einen Ort, wo wir eigentlich nicht
hingehen wollen. Das ist eine Erfahrung, die die Jünger gemacht haben - Jesus
hat es ausdrücklich einmal zu Petrus gesagt, er werde einmal dorthin geführt
werden, wo er nicht will. "Meister, wo wohnst du?" Jesus wohnt an Orten, wo
wir nicht gerne hingehen und wo wir nicht gerne hinschauen. Der Papst sagt uns
in seiner Botschaft zum Weltjugendtag, "Ihr werdet Jesus dort begegnen, wo die
Menschen leiden und hoffen." Und er sagt weiter: "In den kleinen, über die
Kontinente verstreuten Dörfern, die anscheinend am Rand der Geschichte liegen
wie damals Nazareth, als Gott seinen Engel zu Maria sandte. In den riesigen
Weltstädten, wo Millionen Menschen oft wie Fremde nebeneinander leben. Jeder
Mensch ist in Wirklichkeit Mitbürger Christi. Jesus wohnt neben Euch in den
Brüdern und Schwestern, mit denen Ihr das tägliche Leben teilt. Sein Ge- sicht
ist in den Ärmsten, den Ausgegrenzten, die nicht selten Opfer einer
ungerechten Entwicklungsideologie sind, die den Gewinn an die erste Stelle
setzt und den Menschen zum Mittel statt zum Ziel macht." Und er sagt weiter:
"Das Haus Jesu ist dort, wo ein Mensch auf Grund der ihm verweigerten Rechte,
der verratenen Hoffnung oder seiner nicht beachteten Ängste leidet. Dort,
unter den Menschen ist das Haus Christi, der Euch bittet, in Seinem Namen jede
Träne zu trocknen, auch die, die sich einsam fühlen, daran zu erinnern, da
niemand je alleine ist, der seine Hoffnung auf Ihn setzt." An diesen Ort gehen
wir Jesus nicht gerne nach. Es zieht uns in eine andere Richtung. Die Armen
aller Art, die psychisch Belasteten, mühsame Menschen, verletzte und
komplizierte - es drängt uns nicht zu ihnen hin. Die physisch Armen, Kranken,
die Elenden, die Heruntergekommenen, die "Giftler", die Süchtigen, die ganze
Welt des Elends - sie hat nichts Anziehendes. Niemand wird sie in der Werbung
zeigen. Schaut Euch die Werbeplakate an, dort werdet Ihr von dieser Welt
nichts sehen. Dort ist man schön, gesund, stark, erfolgreich, anziehend und
aufreizend. Spontan gehen wir nicht dorthin, wo Jesus ist: in der Welt der
Armen. Wie schnell sind Freunde weg, wenn man längere Zeit arbeitslos ist.
Spontan drängt es uns hin zum Leben, nicht zum Scheitern. Ihr Jugendlichen,
aber nicht nur Ihr, auch bei uns Älteren ist es nicht anders. Ihr wollt leben,
etwas vom Leben haben, Spaß und Unterhaltung, Lebensfreude - nicht die
trostlose Welt der Armut, der Armut in allen Formen. Das zieht nicht an. Ein
solcher lebenshungriger, lebensfreudiger junger Mensch war ein Freund von mir,
Diplomatensohn, der eines Tages ein einschneidendes Erlebnis hatte, das sein
Leben verändert hat. Er fuhr in New York mit dem Taxi zu einer Party, weit
hinaus, eine Stunde lang dauerte die Fahrt. Der Taxifahrer war ein Schwarzer,
und er begann auf dieser langen Fahrt, meinem Freund sein Leben zu erzählen.
Dieser hörte zerstreut die tragische Lebensgeschichte dieses Schwarzen an, und
als am Ende der Fahrt der Schwarze sich verabschiedet hat, hat er zu weinen
begonnen und diesem 19jährigen jungen, lebensfröhlichen Studenten gesagt: "Ich
fahre jetzt seit 20 Jahren Taxi, und in diesen 20 Jahren hat kein Mensch meine
Geschichte bis zum Schluss angehört. Sie sind der Erste gewesen." Dieses
Erlebnis hat meinen Freund so erschüttert, dass ihm damals zuerst der Gedanke
kam, Priester zu werden, und er ist es dann auch geworden.
Es gibt im Leben jedes Menschen einen Moment, oder Momente, wenn wir bewusst
Christus nachfolgen wollen, Momente dieser Art, wo eine andere Dimension in
unser Leben hereinbricht. Bekannt ist die Geschichte von dem jungen Francesco
Bernardone, dem lebenslustigen Sohn des reichen Tuchhändlers Bernardone aus
Assisi. Wie er hoch zu Ross zuerst hörte, und dann sah: einen Leprakranken,
schrecklich entstellt von dieser Krankheit, die Ge- sicht und den ganzen
Körper zerfrisst. Ein Bild des Ekels und des Grauens. Francesco spürt einen
heftigen Widerwillen und gleich- zeitig einen ganz starken Impuls,
herunterzusteigen vom Pferd und auf diesen Leprakranken zuzugehen, und er tut
es. Etwas zieht ihn unwiderstehlich an diesem Leprakranken an. Er geht auf ihn
zu und küsst ihn. Und als er wieder auf dem Pferd sitzt und sich um- wendet,
sieht er weit und breit keinen Leprakranken mehr. Und die unbeschreibliche
Freude, die Franziskus in diesem Moment erfüllt, und dieses Erlebnis macht ihm
bewusst, lässt ihn ahnen, dass er in diesem Leprakranken Christus geküsst hat.
"Meister, wo wohnst du? Kommt und seht!"
Was ist das Geheimnis dieser Freude? Einer Freude, die offen- sichtlich
intensiver ist als aller Lebenshunger, als alle Glücksgefühle, die man in der
Sucht nach dem Leben gewinnen kann. Eine unvergleichliche Lebensfreude. Wer
diese Freude auch nur ein wenig verkostet hat, den lässt sie nicht mehr los,
und es schmerzt ihn jedes mal, wenn er dieser Freude aus dem weg gegangen ist,
vor ihr geflüchtet ist, denn er weiß aus Erfahrung, dass nichts so gut
schmeckt, so lebendig wie diese Lebensfreude, diese Erfahrung eines Francesco
oder jenes Freundes auf seiner Taxifahrt in New York. Wenn man diese tiefe
Freude kennen lernen will - und Jesus will, dass wir seine Freude kennen
lernen - dann muss man zu Jesus gehen, mit ihm gehen, und sich zeigen lassen,
wo man diese Freude findet.
Ich möchte mit Euch heute Abend eine Szene im Evangelium be- trachten, in der
Jesus seine Jünger zu dieser Freude hinführt. Es gibt viele solche Szenen,
aber diese ist mir besonders einprägsam. Sie spielt sich in Jerusalem ab, im
Tempel, in den letzten Tagen vor dem Leiden Jesu, ganz am Schluss, als alles
schon sehr ernst war. Jesus setzt sich im Tempel nieder, und er schaut den
Menschen zu, die in den Tempel aus- und eingehen, er setzt sich gegenüber dem
großen Geldkasten hin, der am Eingang des Tempels ist, dem Opferkasten, wo die
Menschen, die zahlreichen Pilger ihre Gaben hineinwerfen, sozusagen hinten bei
den Kerzen würde er sich hinsetzen und beobachten, die Menschen, die her-
einkommen. Jesus sieht den Menschen zu, die da in den Tempel strömen. Und das
Evangelium sagt, nicht wenige von ihnen waren reich und haben ordentliche
Portionen in den Opferkasten hin- eingeworfen, nicht ein paar Münzen, sondern
Scheine, "Blaue", würden wir in Österreich sagen. Pater Wehrenfried van
Straaten ist ein Weltmeister im Sammeln von Geld, er geht nach einer Predigt
mit seinem Hut herum und er sagt dann immer: "Bitte keine Münzen hineinwerfen,
der Hut hat nämlich Löcher!" Ja, und da sieht Jesus eine arme Frau kommen,
eine Witwe. Sie ist erkenn- bar an ihrem schwarzen Gewand oder an ihrem
Trauergewand, so wie früher bei uns die Witwen erkennbar waren. Und diese arme
Frau wirft zwei kleine Kupfermünzen in den Tempelschatz. Jesus sieht sie, und
schon das ist das Neue am Evangelium: Er nimmt sie wahr. Wo sind die Jünger in
dieser Szene? Wie so oft, sind sie abwesend, irgendwo, nur nicht dort, wo
Jesus ist. Vielleicht haben sie wieder einmal darüber diskutiert, wer von
ihnen der Größte sei, ein Lieblingssport der Apostel, bis heute. (Ich hab
damit die Bischöfe gemeint, natürlich niemand anderen hier.) Sie haben nichts
davon gemerkt, was Jesus gesehen hat. Vielleicht haben sie die Reichen
gesehen, die arme Witwe haben sich nicht gesehen. Wie viel übersehen wir
selber? Wen alle bemerke ich nicht? Etwas vom Ernstesten im Evangelium ist
nicht das Böse, das wir tun, sondern das Gute, das wir übersehen. Lazarus vor
der Tür des Reichen wird vom Reichen nicht einmal mehr wahrgenommen. Er
übersieht ihn einfach. Er hat sich daran gewöhnt. Wie viel sehen wir nicht
mehr? Oder noch gar nicht? Es ist interessant, Bedienstete aller Art zu
fragen, wie sie die Menschen wahr- nehmen: Putzfrauen, Schaffner, Menschen,
die Dienste, niedrige Dienste tun. Ich habe in meiner Professorenzeit in der
Schweiz einen Straßenkehrer zum Freund gewonnen, ich gestehe, ich habe ihn
nicht deshalb kennen gelernt, weil ich auf Straßenkehrer aufmerksam war,
sondern weil ich ihn einmal in einer Pfarre kennen gelernt habe mit seiner
Familie, und dann wieder gefunden als Straßenkehrer, und so entstand eine
Freundschaft. Aber wie viele Menschen in niedrigsten Diensten sehen wir
überhaupt und was können solche Menschen sehen über unser Verhalten? Wir haben
keine Augen dafür. Wie viele Kleine und Arme im Sinne Jesu übersehen wir, weil
unser Herz keinen Platz dafür hat, weil es sie nicht wahrnimmt. Aber Jesus
lehrt uns sehen. Wer zu ihm kommt, geht in eine Schule des Sehens. Im
Evangelium heißt es - es ist die Stelle Mk 12, 41-44 - "Da rief Jesus seine
Jünger zu sich. Und er sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch, diese arme
Witwe hat mehr eingeworfen als alle, die etwas in den Opferkasten geworfen
haben, denn alle haben von ihrem Überfluss eingeworfen, sie aber hat in ihrer
Armut alles hineingeworfen, was sie zum Leben hatte." Betrachten wir ein wenig
gemeinsam diese Szene, wie Jesus seine Jünger sehen lehrt. Jesus ruft seine
Jünger zu sich. Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht, hat die-
selbe Bedeutung wie das Wort "ekklesia", das auch aus dem Griechischen kommt,
und das heißt wörtlich "die Heraus gerufene". "Ekklesia" ist die aus den
Vielen herausgerufene Gemeinschaft. Jesus ruft sie zusammen, und so entsteht
Kirche. Kirche entsteht dort, wo Jesus Menschen herausruft, zusammen- ruft, wo
er sie aus ihrem bisherigen Leben herausruft, aus ihren Gewohnheiten, aus
ihren Träumen, wo er sie zu sich ruft: "Kommt und seht!" Es ist, als würde
Jesus seinen Jüngern immer wieder dieses "Kommt und seht!" zurufen. "Da rief
er seine Jünger zu sich." "Kommt und seht!" Kirche entsteht also dort, wo
Menschen von Jesus herausgerufen werden, aus sich heraus, von sich weg,
gerufen, ihre Sichtweise zu verlassen und sich den Menschen und den Dingen
zuzuwenden, so wie Jesus sie sieht, gewissermaßen von Ihm sich zeigen lassen.
"Kommt und seht!" Kirche entsteht also dort, wo Menschen sich von Jesus die
Augen öffnen lassen, wo sie lernen, mit seinen Augen zu sehen, so zu sehen,
wie er sieht. Die Kirche ist so zusagen die "Gehschule" und "Sehschule" Jesu.
"Kommt und seht" - also eine Gehschule und eine Sehschule. Jesus lehrt uns
gehen und sehen.
Hier können wir ein wenig Halt machen und uns fragen, uns alle fragen, ob wir
die Kirche so sehen. Ist für uns die Kirche zuerst Lebensschule Jesu oder ist
sie vor allem das, was wir selber organisieren und machen? Ist die Kirche für
uns Gemeinschaft, in der wir Jesus als Meister und als Freund haben, der uns
zusammen ruft, der uns die Augen schärft, indem er uns sehen lehrt? Ich nenne
drei Schritte dieser Sehschule, oder genauer: dieser Geh- und Sehschule Jesu:
Wie sieht das aus? Wie lehrt Jesus uns mit Seinen Augen sehen?
Die Jünger waren wahrscheinlich etwas verdutzt, dass er sie extra
zusammenruft, um ihnen eine arme Frau zu zeigen. Kurz danach heißt es, dass
ein Jünger zu Jesus sagt: "Meister, sieh, was für Steine und was für Bauten!"
Die Bewunderung der Jünger geht für die Technik. Das ist bis heute so, dass
man die technischen Leistungen mehr bewundert als die Menschen, und der Tempel
des Herodes war grandios, wenn man die Reste sieht, da gibt es wirklich etwas
zu bewundern. Aber Jesus zeigt ihnen nicht irgend etwas Großartiges, er sagt
sogar über den Tempel "Kein Stein wird auf dem anderen bleiben". Er zeigt
ihnen diese arme Witwe und er sagt von ihr etwas ganz Großes: "Sie hat mehr
gegeben als alle." Jesus lehrt sie also, mit seinen Augen zu sehen, er zeigt
ihnen, was in seinen Augen groß ist. Was ist groß vor Gott? Diese arme Frau -
ohne Medienspektakel, ohne "Licht ins Dunkel" hat sie ihre Spende abgegeben.
Sie ist nirgendwo aufgeschienen. Es gab kein Lob und keine Anerkennung dafür.
Und ganz erschütternd finde ich in dieser Szene, dass Jesus ihr auch nicht auf
die Schulter klopft und sagt "Das hast du brav gemacht". Sie weiß nicht
einmal, dass Jesus sie gesehen hat. Ihre Geste ist wirklich anonym, nur von
Gott gesehen. Das ist wirklich groß. Zwischenfrage: Wenn wir uns die Testfrage
stellen, und jeder versucht, sie zu beantworten: Wer ist wohl von den
Menschen, die ich kenne, in diesem Sinne groß? Wer ist unter den Menschen, die
ich kenne, groß im Himmelreich? Und wie ist mein Verhalten den Menschen
gegenüber? Suche ich das, was in der Welt, in den Augen der Welt groß ist,
oder habe ich ein Auge für die wahre Größe, für die, die in den Augen Jesu
groß sind? Es wird wahrscheinlich eine gewaltige Überraschung sein, wenn wir
einmal drüben, auf der anderen Seite des Vorhangs mit den Augen Jesu sehen,
feststellen, wer wirklich im Himmelreich groß ist. "Kommt und seht!" Wohin
führt uns also Jesus? In Jerusalem führt Jesus nach dieser Szene mit der armen
Witwe seine Jünger auf einen Weg, den
sie nicht wollen. Er führt sie auf den Weg seines Leidens. Am Ende dieses
Weges wird er gekreuzigt, zerschlagen, und zer- schunden, so wie sein Leib auf
dem Turiner Grabtuch zu sehen ist. Das ist der Weg, wohin Jesus sie führt.
"Kommt und seht!" "Meister, wo wohnst du?" Wo ist Jesus zu finden? Damals, als
sie das erste Mal ihn getroffen haben, wo sie diese erste Nacht mit ihm
verbracht haben, da haben sie nicht geahnt, wohin er sie führen wird. Wer
Jesus finden will, wird früher oder später ihm am Kreuz begegnen. Es ist das
im christlichen Lebensweg unumgänglich. Das Konzil sagt, dass die "enge
Pforte", von der Jesus spricht, das Kreuz ist, und nur durch diese enge Pforte
kann man das Leben finden. Aber es ist eigenartig und wahrscheinlich hat jeder
von Ihnen in der einen oder anderen Form das schon erlebt, wie sehr einem
Jesus nahe kommen kann, wenn man ihn am Kreuz sucht. Auch ganz einfach und
wörtlich am Kreuz betrachtet, und es gibt Kreuzesdarstellungen, die von einer
solchen Berührendheit sind, dass uns hier wirklich Jesus anspricht, ich denke
hier an den Kopf des Lettnerkreuzes, der im Dombrand überlebt hat, allein der
Kopf ist übrig geblieben vom Lettnerkreuz, inzwischen wieder eingefügt in den
neuen Corpus, der hier nach dem Krieg gebildet wurde. Und deshalb gehören die
Armen und das Kreuz zusammen. Ja, Krippe und Kreuz gehören zusammen. Wir
können Gott nicht anderswo finden als dort, wo er sich finden lässt. "Meister,
wo wohnst du?" Er führt uns hinunter, nicht hinauf. Er hat sich selber arm
gemacht. Arm ist er geboren, arm ist er gestorben, "Ein Wurm und kein Mensch",
sagt der Prophet im Blick auf die kommende Passion. Das stellt uns natürlich
viele Fragen, an uns, an die Kirche, an unsere Wertvorstellungen, an unsere
Vorstellung und Erwartung an die Kirche. Sind wir reiche Jünglinge, die
traurig weggehen? Aber vielleicht sollten wir uns nicht entmutigen lassen,
dieses "Kommt und seht" auch der Armut und des Kreuzes zu versuchen.
Vielleicht bedarf es kleiner Schritte, z. B. Vereinfachung unseres
Lebensstils. Leben wir vielleicht zu auf- wendig? Könnten wir nicht das eine
oder andere zurückschrauben? Muss ich wirklich alles das haben, was ich habe?
Kann ich meine Ansprüche überprüfen? Lädt Jesus mich nicht ein, frei zu sein,
frei zu werden von vielem Unnötigen, was mein Leben voll- möbliert? Von
manchem Liebgewordenen mich zu lösen, das kann eine Befreiung sein. Jesus will
uns ja nicht unglücklich machen, sondern frei.
Damit bin ich beim letzten Punkt: Jesus in den Armen finden. Auch dieser Punkt
muss genannt werden. In der Schule Jesu entdecken wir, dass nicht nur die
Armen Jesu Freunde sind, sondern dass wir selber Arme sind. Vielleicht schauen
wir deshalb so leicht weg von den Armen, weil wir selber Armut nicht sehen
wollen. Wir wollen nicht gerne daran erinnert werden, dass wir ihnen im Grunde
sehr ähnlich sind. Thérèse von Lisieux sagt, wir sollen unsere Armut lieben,
zu ihr ja sagen und vertrauen. Sie sagt uns, dass keine noch so große Schuld,
keine noch so große Sünde uns daran hindern soll, arm und vertrauend zu Jesus
zu eilen. Warum ist das so wichtig, dass wir uns selber als arm erkennen? Weil
nur so in unserer Herberge Platz ist für Jesus. Wenn wir nicht selber uns als
arm erkennen, wenn wir von uns ganz voll sind, von unserem Können und unseren
Leistungen ganz angestopft sind, dann ist kein Platz für Jesus in unserem
Leben. Wenn wir erkennen, wie arm wir eigentlich vor Gott sind, dann manchen
wir Platz für ihn. "Meister, wo wohnst du?" Vielleicht in meiner eigenen Ar-
mut. Vielleicht gerade dort, wo ich bei mir selber nicht hinschauen will, was
ich vor mir selber und vor den anderen verberge, viel- leicht gerade dort, wo
in meinem Leben die Schwächen, das Ver- sagen, die Hilflosigkeit, die
Ratlosigkeit ist, vielleicht wohnt gerade dort Jesus und sagt "Kommt und
seht!", und sie blieben diesen Tag bei ihm. Dann werden wir sehen, dass in der
schäbigen Hütte unseres eigenen Lebens Jesus Platz hat, und dass er dort gerne
wohnt.
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